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Suffizienz (Beitrag von M. Bichler: Teil 1 von 4)

Aufbruch in eine neue Genußkultur

Kondensstreifen

Eine der drängendsten Fragen zurzeit lautet: Schaffen wir es, den Klimawandel auf ein menschenverträgliches Maß einzudämmen? Und die Antwort dazu: Ja, wenn wir uns sehr anstrengen. Statt [hier] in Deutschland durchschnittlich über 8 Tonnen CO2 im Jahr zu verbrauchen, müssen wir unsere Emissionen [hier] auf unter eine Tonne pro Jahr senken. Soll dies gelingen, ist ein Lebensstilwandel unverzichtbar. Das bedeutet eine Neubewertung dessen, was wir wirklich Wert schätzen. Wir werden um eine Veränderung unseres Konsumverhaltens hin zu einer Suffizienzwende nicht herumkommen.

Sehr früh im Jahr hat Deutschland schon am 05.05.2021 den Ökoschuldentag für 2021 erreicht. In der [hier] gezeigten Historie seit 1970 sieht man, wie die Ökoschuld bzw. der Ressourcenverbrauch des Landes seit Jahrzehnten ansteigt. Die Erde kann sich immer weniger von unserem Konsum erholen. Deshalb muss sich jetzt schnell und gravierend etwas ändern. Zwar sind drastische Veränderungen nicht einfach. Aber die gefühlte Zeitspanne, die seit dem Jahr 2019 verstrichen ist, zeigt, wie unglaublich viel schon in einem Jahr geschehen kann

Brasilianische Freude

Man kann von „Corona“ einiges lernen für die Bewältigung der Klimakrise. Zum Beispiel, dass für effektives Handeln Bürger und Staat gemeinsam an einem Strang ziehen müssen. Zum anderen aber auch, dass uns unsere Sinne und Gefühle zeigen, was zum guten Leben gehört. Wir genossen verbesserte Luftqualität, eine erholte Natur, fehlenden Verkehrslärm. Und wir sehnten uns als soziale Wesen nach der Umarmung von Angehörigen und Freunden, nach der Begegnung mit anderen Menschen im Konzert, im Fußballstadion, in der Kneipe. [Hier] nach Gemeinsamkeit und Resonanz, nach Berührung. Nach dem Frisör. Über geschlossene Geschäfte dagegen klagten eher die Händler, nicht die Kunden. Die Erfahrungen aus dem Corona-Desaster dürfen nicht sofort wieder vergessen werden, wenn wir die Klimakrise meistern wollen. Denn beides hat [hier] eine gemeinsame Ursache: unserer naturzerstörenden Lebensweise [Blogbeitrag B. Holtz vom 01.06.2020].

Leonardo da Vinci

Seit Jahrhunderten versteht sich der westliche Mensch als Maß aller Dinge und als Krone der Schöpfung. Im Kampf gegen die Unbillen der Natur und im Ringen um die Überwindung ihrer Grenzen entfesselte er die in den fossilen Brennstoffen gespeicherten Energien [Blogbeitrag B.Holtz vom 06.10.2020]. So konnten- zumindest bei uns- Hunger und Kälte, mühsame Reisen, Kindbettfieber und schwere Feldarbeit überwunden werden. Aber inzwischen schießen wir über das Ziel hinaus. Im quasi „zwangsweisen Vollzug der Ideale von gestern“ (W.Sachs, S. 69-72,1993) reagieren wir auf die Natur immer noch als wäre sie unser Feind bzw. als könnten wir alles besser: mit SUVs, Massentierhaltung, Megastädten, genmanipuliertem Saatgut, Wegwerfmode, Plastikbergen, Robotern. Unser materieller Reichtum wächst gesamtgesellschaftlich, aber die Grundlagen des Lebens und der Lebendigkeit kommen uns so abhanden.

Die Grenzen des Wachstums

Spätestens seit 1972 kennen wir die Gefahren, die aus der Missachtung der „Grenzen des Wachstum“ entstehen. Inzwischen, 50 Jahre später, bestätigt die aktuelle Entwicklung [hier] viele der düsteren Prognosen von damals, die lange Zeit als Schwarzmalerei verdammt wurden. Durch die alarmierende Bilanz des Ökoschuldentags oben wissen wir, dass unser Ressourcenverbrauch die Regenerationsfähigkeit der Erde tatsächlich übersteigt. Natürlich gibt es [hier] schon seit Jahrzehten -leider nur schwach erfolgreiche - Versuche des Gegensteuerns, etwa durch die Weltklimakonferenzen (COPs). Der u.a. bei diesen Verhandlungen bis heute vorherrschenden Hoffnung auf neue Technologien und Effizienzsteigerungen zur Lösung des Problems setzte der Soziologie Wolfgang Sachs allerdings schon 1993 entgegen: „Einer naturverträglichen Gesellschaft kann man in der Tat nur auf zwei Beinen näherkommen: durch eine intelligente Rationalisierung der Mittel wie durch eine kluge Beschränkung der Ziele. Mit anderen Worten: die „Effizienzrevolution“ bleibt richtungsblind, wenn sie nicht von einer „Suffizienzrevolution“ begleitet wird.“ (W.Sachs, S.69-72, 1993)

Postwachstum

Damit war [hier] das Konzept (Öko-)Suffizienz geboren. (Öko-)- Suffizienz steht für Genügsamkeit und Selbstbegrenzung. Es geht dabei um ein Leben nach dem rechten Maß, das die Grenzen des Planeten respektiert und Lebendigkeit hervorbringt statt toter Güter. Es stellt die zentrale Frage: Was darf sich ein Individuum an materiellen Freiheiten herausnehmen, um die Überlebensfähigkeit der Erde zu erhalten? Sie lässt sich aber auch anders formulieren: Wie erlerne ich die Kunst des Genusses? Wie nehme ich mir Zeit um mit allen Sinnen bewusst das Wert zu schätzen, was ich konsumiere? Wie beende ich meine Lebensüberfrachtung und Konsumverstopfung? Wie verabschiede ich mich vom Wettbewerbsstress um das exotischste Urlaubs-Selfie, vom Zwang zum Erwerb des neuesten Handies oder von der Qual der Wahl vor meinem überfüllten Kleiderschrank? Suffizienz, das ist „Entschleunigung. Entschlackung. Entrümpelung“ (N.Paech, 2020) und verweist so auf die Notwendigkeit eines deutlichen Lebensstilwandels. Selbstgenügsam zu sein bedeutet die Entscheidung für ein Ende der Achtlosigkeit und Selbstverständlichkeit bei der Beanspruchung „industriegemachter Bequemlichkeit“ (N.Paech, 2020). Es erfordert auch eine neue Form des Handelns – statt konsumieren und wegwerfen geht es um den sorgsamen Umgang mit Dingen, um ein (wenn möglich) gemeinsames Nutzen, Bewahren und Reparieren. Letztendlich geht es um eine neue Glücksdefinition.

Niko Paech
Quellenangabe unten

Progressive Ökonomen haben schon lange aufgezeigt: persönliches Wohlbefinden beruht zwar auf dem Wohlstand zur Befriedigung der Grundbedürfnisse. (Und viele geringverdienende Menschen wie z.B. das Pflegepersonal sind in dieser Hinsicht unterversorgt und wünschen sich größere finanzielle Spielräume.) Ab einem bestimmten Punkt jedoch hat Mehrkonsum keine glückssteigernde Wirkung mehr. Wenn man satt ist und passabel wohnt, sind es herzliche soziale Beziehungen, sinnvolle gemeinsame Aktivitäten, Bewegungsfreiheit, Verfügung über die eigene Zeit, gute Bildung und Gesundheitsvorsorge und eine gesunde Umgebung, die glücklich machen. Genau in diesem Rahmen lässt sich ein Leben im Einklang mit der Natur verwirklichen. Genau das sind die Zutaten zur Suffizienz.

Die Orientierung an einer suffizienzbasierten Glücksidee besitzt großes Veränderungspotenzial. Sie bietet einen Ausweg aus der planetaren Abwärtsspirale der Naturzerstörung. Sie bedeutet die Abkehr vom wachstumsgetriebenen „Höher - Weiter- Schneller“. Für viele Menschen ist das noch schwer vorstellbar. Wir sollten uns aber an den Gedanken gewöhnen. Schon spricht die Politik [hier] vom Umbau des Produktionssystems. Und die Frage steht [hier] im Raum, wie sich das mit ständigen Druck zur Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verträgt.

Konsumsteuer

Unsere Antwort lautet: Gar nicht. Immer weiter wachsender materieller Wohlstand hat als gesamt-gesellschaftlicher Glücksindikator und Maßstab für einen gesunden Wirtschaftszustand ausgedient. Wenn man die gewaltigen CO2-Einsparanforderungen, die zum Schutz vor gefährlichem Klimawandel nötig sind, wirklich ernst nimmt.

Ohne Suffizienz wird es in Zukunft nicht gehen. Denn einfach wie bisher nur auf technologische Neuerungen und Effizienzverbesserung zur Reduktion des CO2-Ausstosses zu setzen, reicht nicht mehr. Deren Erfolge wurden [hier] bisher immer wieder durch den Rebound-Effekt aufgefressen. Nur ein Beispiel: je weniger Benzin die Motoren brauchten, desto größer wurden die Autos. Wolfgang Sachs hatte Recht damit, dass Effizienzerfolge nur effektiv sind, wenn sie an Suffizienzstrategien gekoppelt werden. Und das bedeutet, dass anders konsumiert und produziert werden muss. Womit wir bei der nächsten Frage wären: wie kann ein suffizienzorientiertes Wirtschaften aussehen?

Im nächsten Blogbeitrag der am 21.06.2021 erscheint werde ich hierauf näher eingehen. Denn es gibt bereits viele Beispiele, die Aspekte einer neuen Wirtschaftsordnung sichtbar machen. Manche sind schon fast Mainstream, andere progressive Vorreiterinitativen und wieder andere klingen in heutigen Ohren noch radikal. Ob Kreislaufwirtschaft, Gemeinwohlökonomie oder Postwachstumsprojekte – ihnen allen gemeinsam ist der Verzicht auf Verschwendung und Naturzerstörung. Sie alle stehen für einen klima- und zukunftsfähigen Lebensstilwandel. Sie geben Antworten auf die stärker werdende Nachfrage nach Alternativen. Und Atum gehört zu den Unternehmen, die sich daran beteiligen.

Mehr dazu, wie gesagt, in einem Monat.

Ihre

Marian Bichler

 

Quellenangabe:

Wolfgang Sachs, Die vier E's : Merkposten für einen maß-vollen Wirtschaftsstil, 1993, 69-72

Niko Paech, All you need is less: Anmerkungen zur Postwachstumsökonomie, Vortrag im Landesmuseum Koblenz am 26.1.2020 unter https://www.youtube.com/watch?v=qRhaX6_JebM anlässlich der Veröffentlichung seines gleichnamigen Buches „All you need is less“, 2020

Grafik aus: Niko Paech, All you need is less: Anmerkungen zur Postwachstumsökonomie, Vortrag im Landesmuseum Koblenz am 26.1.2020 unter https://www.youtube.com/watch?v=qRhaX6_JebM

Beiträge zur Suffizienz auf dem Atum Blog:

B.Holtz: "Das Maß der Dinge für eine lebendige Welt": Blogbeitrag von B.Holtz vom 18.04.2021

 

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Kommentare

Kommentar von Saskia |

Hervorragend geschrieben, genauso sehe ich das auch!

Kommentar von Dr. Holtz Sylke |

Da wurde wieder mal Klartext geschrieben, diesmal sogar noch deutlicher. Ja, jeder müsste eigentlich sehen, dass ein Aufhalten der Klima-Erwärmung nur dann möglich ist, wenn auch der Lebensstil sich ändert. Aber oh weh, da seh ich viele, die zwar sagen, ja, wir müssen technologisch viele Neuerungen bekommen, aber mich einschränken? Wie denn, an welcher Stelle etc? Gewohnheiten zu verändern, das ist schwer.
Ich bin aber unverbesserliche Optimistin:
Wir werden das schaffen, aber vielleicht- mit Hilfe von Not. Vielleicht rettet diese unsere Mutter Erde und die wunderbare Schöpfung.

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