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Suffizienz (Beitrag von M. Bichler: Teil 4 von 4)

Neue Wohnformen braucht das Land

Hans Joachim Schellnhuber
Capsule Hotel Tokyo

Die Emissionen im Gebäudesektor sind wie lästiger Bauchspeck: sie schrumpfen viel zu langsam. Abhilfe schafft hier nur eine umfassende Neuausrichtung beim Bauen und Wohnen. Andere Leitideen, Materialien, und Umsetzungspraktiken sind gefragt. Das von Hans Joachim Schellnhuber mitbegründete „Baushaus der Erde“ und 3000 andere Bau- und Wohnprojektgruppen in Deutschland weisen den Weg in die Welt der neuen klimafreundlichen Wohnformen.

Mit der von ihm mitbegründeten Initiative „Bauhaus der Erde“ will Hans Joachim Schellnhuber sein Gewicht als Director Emeritus des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung geltend machen, um endlich Bewegung in die festgefahrene Situation im Bau- und Wohnsektor zu bringen. Er ruft zu einer Bauwende auf Basis ökologisch nachhaltiger, sozial gerechter und ästhetisch ansprechender Gestaltung auf und hat dabei gewichtige Mitstreiter. Bereits 2019 zum einhundertjährigen Bestehen des legendären Dessauer Originals hatten er und andere Protagonisten wie Prof Dirk Messmer, Direktor des Umweltbundesamtes und die damalige Staatsministerin Monika Grütters den Startschuss für das Unterfangen gegeben. Als einer der Pfeiler des ebenfalls 2019 von Ursula von der Leyen in Leben gerufene „New European Bauhaus“ hat das „Bauhaus der Erde“ jetzt aktuell auch eine praktische Organsiationsform als gGmbh erhalten.

Das berühmte Vorbild

Geplant ist eine Wiederbelebung des Bauhausgedankens unter ökologischem Vorzeichen. Traditionell steht der Begriff Bauhaus für funktionales ästhetisches Design, das die Anforderungen der neu entstandenen industrialisierten Massengesellschaft nach dem ersten Weltkrieg reflektierte. Es war ein idealistischer Ansatz, der tiefgreifenden Einfluss auf die Neugestaltung der Lebens- und Wohnverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten hatte. „Licht und Luft für alle“ war eine der sozialen Ideen, die gerade auch die Arbeiter von ihren verslumten Behausungen erlösen sollte. Dass das damit verbundene Konzept des modularen Bauens in seiner vulgarisierten Form billige Hochhaussiedlungen aus klimaschädlichem Beton inspirierte, ist sicher mehr als nur eine Ironie der Geschichte. Aber dazu gleich.

Bauhaus Erde
Holzbau
Evan Chan, Unsplash

Eine gute Idee?

Mit dem Versuch einer CO2-freien Neuinterpretation der avantgardistische Kunst- und Architekturströmung wollen Schellnhuber und Co. jedenfalls bei wichtigen Prinzipien der ursprünglichen Konzeption ansetzen und ein neues Narrativ der Moderne für die gebaute Umwelt schaffen. Ihre Vision [hier] lautet „ein Siedlungswesen, das regenerativ, polyzentrisch, digital, inklusiv und schön ist.“ Das neue Bauhaus der Erde soll ein klimafreundliches und sozialverträgliches Reallabor sein und ein Thinktank, der eine europaweite Diskussion anstößt. Letzteres ist bereits gelungen, auch weil der Baustoff, den Schellnhuber und Co. prominent ins Spiel bringen, viele diskursive Facetten aufweist. Holzarchitektur soll die Lösung zur Senkung der Emissionen im Bausektor darstellen und den bisher genutzten Stahlbeton ersetzen. Stadtplaner werden hier sicher umdenken müssen. Aber im Hinblick auf die Klimabilanz bietet Holz bekanntlich fast nur Vorteile, bei richtiger Verwendung sind große Bauhölzer sogar so gut wie feuerbeständig, wie in einer grundlegenden wissenschaftliche Studie des PIK nachzulesen ist. Die Wissenschaftler stellen außerdem fest, dass die für eine Bauwende erforderliche riesige Menge des Rohmaterials „theoretisch verfügbar“ sei. Allerdings brauche es dafür eine „sehr sorgfältige nachhaltige Waldbewirtschaftung“.

Klimawandel

Die Tücken der Theorie

Hier möchte ich dann aber doch ein Fragezeichen setzen. „Theoretisch“ … das klingt ein bisschen nach Radio Eriwan – „im Prinzip ja“. Torsten Welle, der wissenschaftlichen Leiter der Berliner Naturwald-Akademie, weist im TAZ-Interview [hier] auf mögliche „Zielkonflikte zwischen dem Klima- und dem Artenschutz oder den Funktionen des Waldes als Wasserspeicher und Kühlanlage der Landschaften“ hin. Mir fallen außerdem sofort die vielen Berichte über dürregeschädigte Kiefernplantagen sowie das Thema Raubbau am Wald, z.B. in Osteuropa ein. Ist es nicht ein bisschen naiv anzunehmen, dass es bei einem massiven Anstieg der Nachfrage nach Holz nicht zu ebenso massiven illegalen Rodungen kommen wird? Ganz abgesehen von Flächenkonkurrenzen zwischen Agrar- und Holzwirtschaft?

Diese Bedenken drängen sich vor allem auf, weil es wirklich um riesige Mengen geht, nicht weil Holz als Baustoff an sich zwiespältig wäre. Auch wenn man sich anschaut, wie der gut gemeinte Originalbauhausgedanke unbeabsicht, aber ganz im Sinne einer effizienten Gewinnmaximierungslogik innerstädtische Betonwüsten initiiert hat, könnte man vorsichtig werden. Theoretische Visionen von Künstler*innen und Wissenschaftler*innen sind das Eine, ihr Einsatz in der von Geldgier getriebenen Wirklichkeit etwas völlig anderes. Gleichzeitig bleibt zu befürchten, dass das Bauhaus der Erde bei einer einseitigen Fokussierung auf organische Materialien neue vielversprechende Technologien wie beispielsweise granitverstärkte Carbonfasern auf Algenbasis als Beton- und Stahlersatz von vornherein ausschließt. Ich stimme Torsten Welle zu, der „generell die Reduktion von Emissionen und die Suche nach Technologien, um mineralische Baustoffe und Metalle klimaneutral herzustellen“ sinnvoller findet – und natürlich die Reduktion von Emissionen. Denn natürlich sind die Baumaterialian nur ein Teil der Medaille.

Holzbau
Superikonoskop, Creative Commons (Verlinkung im Foto)

Ein Gesamtkunstwerk aus Bauen und Wohnen

Wie der klassische Vorgänger, so will auch das „Bauhaus der Erde“ einem ganzheitlichen Ansatz folgen. Der Aufbau von Pflanzen und die Kreisläufe von Ökosystemen sollen Pate stehen, um die gebaute Umwelt unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts als „Gesamtkunstwerk” [hier] neu zu entwerfen. Das klingt anspruchsvoll und schick-avant-gardistisch. Simpel ausgedrückt ist damit wohl gemeint, dass zum Wohnen einerseits das materielle Gebäude gehört und andererseits die soziale Funktion des Zu-Hause-Seins. Beides ist miteinander verwoben, denn die Gestaltung der Räume gibt vor, wie man darin leben kann. Dieses Zusammenspiel optimal menschen- und klimafreundlich zu gestalten ist tatsächlich eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen. Denn im Gegensatz zu den „Modernen Zeiten“ der Bauhaus-Ära haben sich die Lebensentwürfe heute gewandelt; die klassische Familie als Planungsbasis für Wohnunggrundrisse ist schon fast ein Auslaufmodell. Das Bauhaus der Erde hat sich im Gegensatz zum Plädoyer für das Material Holz jedoch bisher [hier] noch nicht öffentlich geäußert, mit welchen Visionen es konkret diese sehr modernen soziokulturellen Herausforderungen in der Architektur übersetzen will.

Ich nehme an, dass vieles was im Eco-Village Kronsberg Hannover [siehe Blogbeitrag vom 29.07.2021] umgesetzt wurde, zu der Beschreibung vom „Bauhaus der Erde“ passt. Angefangen bei der Holzleichtbauweise mit Strohballendämmung und Lehmputz über den ganzheitlichen, partizipatorischen Entstehungsprozess bis hin zu den geplanten suffizienten Formen des Gemeinschaftslebens würde ich dieses Projekt als Gesamtkunstwerk bezeichnen – auch wenn es nicht unter diesem Anspruch antritt. Vielleicht ist das aber auch der Unterschied: Wenn sich Menschen zusammentun um gemeinsam ihre Träume zu realisieren, brauchen sie keine hochtrabenden Begriffe.

Baugruppen

Engagierte Bürger*innen als Erben der künstlerischen Avantgarde

Womit wir bei einem m.E. wichtigen Punkt wären. Als das originale Bauhaus gegründet wurde, trieb eine künstlerische Avantgarde gesellschaftliche Innovationen voran. Heute sind es engagierte Bürger*innen, die diese Aufgabe leisten. Ihnen geht es nicht darum, sich mit ihrem Namen architektonisch in Szene zu setzen. Stattdessen füllen sie eine ganz reale Bedarfslücke. Denn obwohl das Ecovillage Kronsberg in Hannover durch seine Größe einmalig ist, so ist es bei weitem nicht das einzige partizipativ entwickelte Vorhaben für neue Wohnformen. Ganz im Gegenteil. Es gibt [hier] mittlerweile fast 3000 Wohngruppenprojekte in Deutschland.

Wohngruppen – der wenig beachtete Trend

Sie entstehen weitab vom Getöse der Feuilletons als Neubau auf der grünen Wiese und auf städtischen Freiflächen, aber auch als Umwandlungen und Sanierungen im Bestandsbau. Sie reaktivieren alte Fabriken und Bauernhäuser, sie entwickeln Räume der Inklusion und des vielfältigen Miteinanders. Und sie erfinden passende Lösungen für eine veränderte Gesellschaftsstruktur. Wie bereits erwähnt, ist die Kleinfamilie, auf die der klassische Wohnungsbau ausgerichtet war, nicht mehr das dominante Lebensmodell. Lebensgemeinschaften, Patchwork-Familien, Alleinerziehende, Singles, ältere Paare suchen nach bezahlbaren Wohnformen, die mehr Flexibilität und soziales Miteinander bieten. Als weiterer Punkt, der gerade auch durch die Pandamie verstärkt wurde, kommt der Wunsch nach kürzeren Wegen bei Arbeit und Einkauf hinzu. Auch veränderte Mobilitätsbedürfnisse spielen eine Rolle – von der gemeinsamen Nutzung eines Lastenfahrrads bis hin zum bewussten Verzicht auf Parkplätze, wenn es passende ÖPNV-Angebote gibt und die Stellplatzverordnung dies erlaubt.

Alternative Wohnformen
Sisu-K4W, CC0, via Wikimedia Commons

Gemeinsam wohnen als Triebfeder für Klimaschutz und Kostenbegrenzung

Der Antrieb, sich als Wohngruppe zusammenzuschließen, ist nicht in erster Linie Klimaschutz. Statt dessen steht der Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum, der zu den eigenen sozialen Bedürfnissen passt, im Vordergrund. Interessanterweise ergeben sich aber gerade aus dieser Motivation viele Synergien mit den Themen Klimaschutz und Suffizienz. Allen voran ist es die Neuorganisation der sozialen Bindungen, die klimafreundliche architektonische Lösungen nach sich zieht. Aus dem Wunsch nach mehr Gemeinsamkeit entspringen neue Wohnformen, die ein Mehr an Miteinander ermöglichen. Aus der Erkenntnis wiederum, dass Räume je nach Lebensphase flexibel nutzbar sein sollten, entstehen Konzepte für Optionsräume, die flexibel fürs Home-Office als Arbeitsort, als Gästewohnung oder auch für Kinderbetreuung zur Verfügung stehen. Alltagsaufgaben können so in gemeinsam geteilten Flächen erledigt werden, wodurch sich die privat benötigte Quadratmeterzahl verringert. Wie auch im Ecovillage Kronsberg geplant tragen außerdem Car-Sharing-Angebote oder die Sammelbestellung etwa der wöchentlichen Gemüsekiste zur klimafreundlichen Lebensweise bei. Eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung fasst dies so zusammen: „Insofern scheinen gemeinschaftliche Wohnformen in unterschiedlicher Abstufung entsprechend ihrer konzeptionellen Ausrichtung Orte zu sein, an denen über erweiterte Sorgenetzwerke nicht nur andere Antworten auf die soziale Reproduktionskrise gesucht und gefunden werden, sondern auch [hier] im Hinblick auf die ökologische Krise (z. B. Flächen-, Energie- und Ressourcenverbrauch)“

Viele Wohngruppen in Deutschland weisen also fast unbemerkt schon seit Jahren den Weg, wie emissionsarmes Bauen und Wohnen aussehen kann. Wenn man [hier] die Webseite durchstöbert, kann man über die Fülle nur staunen. Da stößt man einerseits auf einfache Baugruppen mit dem Hauptziel des gemeinschaftlich kostensparenden Bauens bei freundschaftlicher Nachbarschaft mit Energiekonzept. Aber es finden sich auch erstaunlich viele Vorhaben, die ein wirklich gemeinschafsorientiertes Leben einschließlich der dazu gehörigen Räumlichkeiten anstreben. Diese neuen Formen des Zusammenlebens kombinieren das Berdürfnis nach Rückzug und „Tür zu“ mit einer bedarfsorientierten Offenheit da, wo es Sinn macht.

Inklusion

Jede Menge Arbeit

Die neuen Wohnformen geben einen Ausblick, wie unser Leben in Zukunft aussehen kann. Es darf aber nicht unterschätzt werden, wieviel Arbeit im Kleinen geleistet werden muss, bis dieser interessante Trend tatsächlich zu einer attraktiven Alternative für die breite Masse wird. Die meisten Gruppen brauchen zur Zeit mehr als fünf Jahre zur Verwirklichung des gemeinsamen Wohnwunsches. „Damit Wohnprojekte lebendige Sozialsysteme mit unterstützenden und adaptiven Fähigkeiten werden und bleiben, ist [hier] eine kontinuierliche Kultivierung des Gemeinschaftlichen schon in der Planungs- und Bauphase und vor allem während der Wohnphase erforderlich“, heißt es in der Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Zumindest für den Erwerb der Grundstücke und Immobilien steht Bewährtes bereit: Genossenschaften helfen bei den Projekten, sie sind eine gut funktionierende Organisationsform. Außerdem bieten sie den Vorteil, dass der Anteil, den man beisteuert, bei Auszug vom Nachfolger oder der Nachfolgerin zurückbezahlt wird

Auf die Komunen kommt es an!

Die Nachfrage nach gemeinschaftlichem Wohnen ist derzeit höher ist als das [hier] entsprechende Angebot. Deshalb kommt Kommunen eine wichtige Rolle bei der Ermöglichung von Wohnprojekten zu. Ein gewisser Hoffnungsschimmer liegt immerhin darin begründet, dass große Städte in der Zwischenzeit neue Wege gehen beim Verkauf ihrer Liegenschaften. Die Stadt München vergibt z.B. aktuell zwischen 20 bis 40 % ihrer Wohnbau-Grundstücke [hier] an gemeinschaftsorientierte Wohnprojekte. In Berlin ist [hier] das sogenannte Konzeptverfahren für Neubauten eingeführt worden. Und die Diskussion über eine aktive Bodenvorratspolitik kommt [hier] endlich in Gang. Es bleibt deshalb zu hoffen, dass der Paukenschlag, mit dem das „Bauhaus der Erde“ jetzt an den Start gegangen ist, die richtigen Signale an Politik und Verwaltungsspitzen aussendet. Und wir wünschen uns, dass die Potsdamer Initiative möglichst viel vom Pragmatismus der Wohngruppenbewegung aufgreift.

Ihre Marian Bichler

P.S. Das war Teil 4 meiner Miniserie zum Themenkomplex Klimaschutz und suffizientes Leben mit besonderem Fokus auf den Bau- und Wohnsektor. Sie sollte ein Auftakt sein für einen Diskurs, der sich in Zukunft näher mit der auf uns zukommenden Transformation im gebauten Alltag befassen wird. Seien Sie gespannt!

 

Beiträge zur Suffizienz auf dem Atum Blog:

B. Holtz: "Das Maß der Dinge für eine lebendige Welt": Blogbeitrag vom 18.04.2021

M. Bichler: "Aufbruch in eine neue Genusskultur." Blogbeitrag Suffizienz 1 von 4

M. Bichler: "Weichenstellung für die klimaneutrale Zeitenwende." Blogbeitrag Suffizienz 2 von 4

M. Bichler: "Beispielhaft für ganz Europa: Das ecovillage kronsberg in Hannover." Blogbeitrag Suffizienz 3 von 4

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