zur Blog Übersicht

Suffizienz (Beitrag von M. Bichler: Teil 2 von 4)

Weichenstellungen für die klimafreundliche Zeitenwende

Lebensvision

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ (Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, 1980) – das ist ein berühmtes Zitat aus einer Zeit, als erst sehr wenige an unserer fossil befeuerten Wirtschaftsweise zweifelten. Heute ist fast das Gegenteil wahr: Wer keine Visionen für eine Alternative hat, läuft angesichts der galoppierenden Krisen unserer Zeit Gefahr, mit Depressionen beim Nervenarzt zu landen. Ein neuer sinnstiftender Aufbruch ist deshalb dringend nötig, der auf Alternativen zur Verschwendungsgesellschaft setzt, bei dem das menschliche Maß und Umweltfreundlichkeit zentral stehen. Ein Lebensstilwandel steht an! Bereits heute gibt es Trends, visionäre Perspektiven, Umsetzungsbeispiele, Forschungsergebnisse, die alle zeigen, wie wir uns aus den Klammergriff des „Höher-Weiter-Schneller“ befreien können. Von diesen Möglichkeitsräumen für einen Sinneswandel, vor allem auch im Bauwesen, wird im Folgenden die Rede sein.

Die erste gute Nachricht ist, dass der Veränderungsdruck steigt. Nicht nur Wissenschaftler schlagen [hier] immer lauter Alarm. Vieles, was noch vor nicht allzu langer Zeit als Utopie und Wunschdenken von fanatischen Klima-Aktivisten abgetan wurde, ist heute greifbare Wirklichkeit. Die am Gestern orientierten politischen Entscheidungsträger werden zur Aktion gezwungen. So verpflichtete ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Bundesregierung Ende April, ihre nationalen Klimaschutzziele nachzuschärfen und mehr CO2 einzusparen (Hintergrund: Nach heutigen Berechnungen verbleiben vom verfügbaren CO2-Budget Deutschlands nur 3,465 Gigatonnen bis zur Erreichung des 1,5 Gradziels – dieses wäre bis zum Jahr 2030 aufgebraucht. [Hier] nachzulesen.) Die bisherigen Regelungen würde unzumutbare Einschränkungen ab 2030 bedeuten und somit die „Intertemporalen Freiheitsrechte“ vor allem auch der jungen Generation beschneiden. Das war ein bahnbrechender Richterspruch! Es bleibt jedoch abzuwarten, ob er tatsächlich angemessen umgesetzt wird.

Versöhnungskapelle Berlin

Man betrachte [hier] nur die Baubranche. Letztere ist Hauptverursacherin für einen enormen Ressourcen- und Energieverbrauch. Hier entstehen 38 Prozent der globalen Treibhausgase und mehr als die Hälfte des deutschen Müllaufkommens. Sehr hilfreich scheint mir daher, dass als Teil des europäischen Grünen Deals [hier] schon am 11. März der lange erwartete, neue EU-Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft [hier] veröffentlich wurde. Kreislaufwirtschaft beruht auf dem 4-R-Prinzip „reduzieren, reparieren, recyclen und wiederverwenden (re-use). Das ist ein Schritt in die richtige Richtungweg weg [hier] vom Wegwerfkonsum. Hoffentlich werden bei der Implementierung der europäischen Vorschrift auch die sieben Forderungen [hier] der Architecs4Future mit berücksichtigt, die als Petition im März im Bundestag eingebracht wurden. Zusammengefasst geht es [hier] um eine vollkommen neue Bau- Sanierungs- und Lebenskultur: „Das Bauen mit gesunden und kreislauffähigen Materialien soll gefördert, und unsere Städte grüner und sozialgerechter werden."

Versöhnungskapelle Berlin

Die Holz-Lehmbauweise der Versöhnungskapelle in Berlin links ist dafür ein ganz besonderes Beispiel (Aus den Trümmern der gesprengten Versöhnungskirche auf dem ehemaligen Mauerstreifen in der Bernauer Straße entstand auf Wunsch der Gemeinde eine einzigartige Kapelle, deren Lehmbauweise und Raumgestaltung den Geist der Versöhnung in sich trägt. [Hier] nachzulesen.)

Zu den Zielen der Architects4Future passt auch die Cradle-to-Cradle-Idee [hier]: konsequentes Kreislaufdenken bereits bei der Gebäudeplanung. Das bedeutet beispielsweise, dass bereits bei der Planung die Rückbau-, Entsorgungs- oder Wiederverwendbarkeit der Materialien [hier] mitgedacht wird. „Ziel eines solchen Bauwerkes ist demnach, dass es nicht nur als Nutzobjekt dient, sondern einen Mehrwert für zukünftige Bauprojekte und die Umwelt aufweist."([Hier] nachzulesen auf Seite 47)

Cradle-to-cradle

Während das Konsistenzprinzip Cradle-to-Cradle [hier] schon breit diskutiert wird, sind suffizienzbasierte CO2-Einsparmöglichkeiten im Wohnbereich eher wenig bekannt / beliebt. Natürlich hat man schon von Hypes wie den „Tiny Houses“ gehört und von Strategien zur baulichen Nachverdichtung im Bestand. Auch verhaltensbasierte Vorschläge wie klimaschonendes Heizen und Duschen [hier] gibt es schon länger. Aber werden sie auch umgesetzt? Und was ist mit darüber hinausgehenden Vorschlägen? Welche Angebote gibt es beispielsweise für die Generationen 60+, die sich nach dem Flügge-Werden ihrer Kinder plötzlich in viel zu großen Wohnungen finden? Was wäre, wenn es Vermittlungsbörsen zum Wohnungstausch, für das Finden von Untermietern, ja sogar von Wohngemeinschaften gäbe? Oder auch Informationen und Anreize zur baulichen Teilung von Ein- oder Zweifamilienhäusern? Das Umweltbundesamt analysierte in einem Forschungsprojekt entsprechende Suffizienzpfade und zog [hier] ein wichtiges Fazit: "Zur Hebung der Potentiale sei kultureller Wandel nötig, also neue Ziele und Visionen, persönliches Umdenken, Wertewandel und darauf zugeschnittene Umsetzungsinstrumente." Um es noch einmal zu betonen: Was dringend benötigt wird, ist eine neue Strategie beim Klimaschutz: zusätzlich zu Instrumenten, die auf technisch-materieller Ebene die Themen Energieeffizienz und Erneuerbare Energien aufgreifen, brauchen wir eine neue sinn- und kulturstiftende Kommunikation zur Suffizienz.

Verkehrswende

Zu einem ähnlichen Schluss kamen Forscher des Konzeptwerks Neue Ökonomik, die [hier] im Dezember 2020 erstmals umfassende, suffizienzbasierte Transformationspfade für Deutschland’s Beitrag zur Einhaltung des 1,5 Gradziels veröffentlichen. Zu ihren wichtigsten vorgeschlagenen Veränderungen zählen 25 % weniger Wohnfläche pro Person, gemeinsame Nutzung von großen Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen in Mietshäusern, nur ein Flug alle drei Jahre, Reduktion des Autoverkehrs in Städten um 83 % in Städten und 51 % im ländlichen Raum, 60 % weniger Fleischkonsum. Diese Suffizienzziele klingen radikal und riefen [hier] prompt einen Sturm der Entrüstung hervor, der natürlich wenig überrascht. Denn von dem, was heute [hier auf Seite 23] als normal erachtet wird, sind diese Transformationsvorschläge weit entfernt. Weit weg fühlt sich für viele auch die drohende Klimakatastrophe an. Diffus erscheint die notwendige Vision einer Zeitenwende, die noch viel zu wenig ausformuliert ist und kaum begehrenswert klingt. Stattdessen stützt sich klimaschädliches Alltagsverhalten [hier erklärt] auf einen neo-liberal verkürzten Freiheitsbegriff, der egoistische Bedürfnisbefriedigung auf Kosten der Umwelt als unhinterfragtes Recht einfordert. Und ganz nebenbei ist es für viele Menschen eine gewohnte Genugtuung, wenn sie von den Nachbarn um ihr neues schnelles Auto beneidet werden. Vor diesem Hintergrund erscheinen maßvoll ausbalancierte Suffizienzalternativen verständlicherweise erst mal als ein „Du darfst nicht“-Schreckgespenst.

Mobilitätswende

Was aber, wenn wir die Blickrichtung wechseln? Wenn wir in der Lage sind, die Vision eines neuen Lebens doch in Handlungsmuster zu übersetzen? Wer bereits das Gefühl der Flugscham kennt, wird das Verbot von Kurzstreckenflügen begrüßen. Den eingefleischten fossil befeuerten Gewohnheiten stehen schon heute veränderte Verhaltensweisen gegenüber, die sich an einer sich abzeichnenden neuen Werteordnung orientieren. Veränderte Werte erzeugen neue Gefühle und Sinnzusammenhänge - auch für veränderte Energie- und Ressourceneinsparungen eines zukunftsorientierten Lebensstils (Lindenberg, 2014). Wie weit dieser neue Werte-, Gefühls,- und Sinneskanon durch Suffizienz führen kann, zeigt meine Erfahrung mit der Mobilitätswende in Berlin. Seit ich hier nur noch Fahrrad fahre, merke ich, dass ich mich nicht nur stressfreier durch die Stadt bewege, sondern ich entdecke das Straßennetz als wertvolles Gemeingut. Seit der Senat breit angelegte Fahrradspuren in der ganzen Stadt angelegt hat, wird mir immer klarer, wie viele Jahre dieses Straßennetz von den Autos vereinnahmt, ja geradezu beschlagnahmt wurde. Mit der Mobilitätswende werden diese Straßen durch eine Fahrradkultur befreit, die einem neuen Sinn von Eigen- und Gemeinwohl dient: gesünder, umweltfreundlicher, leiser und einfach wohltuender.

OECD

Der notwendige suffizienzbasierte Lebensstilwandel kann nur zur neuen Normalität werden, wenn Staat und Wirtschaft mitziehen und neue Prioritäten für eine gesamtgesellschaftliche Einstellungsänderung setzen. Staatlicherseits braucht es Anreize, die klimafreundliches Verhalten (auf privater und Unternehmerseite!) unterstützen und fossile Sturheit, also das Beharren auf einer nicht mehr zeitgemäßen Idee von Wohlstand, bestrafen. Umweltökonomen betonen seit Jahrzehnten, dass obwohl Unternehmensgewinne jeweils privat verbucht werden, die dabei verursachten Umweltkosten nicht privat bezahlt, sondern von der Gemeinschaft getragen werden. Preissignale wie die seit 2021 geltende CO2-Gebühr sind deshalb ein guter Anfang, aber es geht um viel mehr: nämlich um eine völlige Neuausrichtung unserer Wirtschaftspolitik. Klingt utopisch?

Erfreulicherweise gibt es auch hier langsam Bewegung. Im letzten Blogartikel habe ich darauf hingewiesen, dass das BIP (Bruttoinlandsprodukt) als umweltblinder Wohlfahrtsindikator und Leitindex für Politikentscheidungen nicht kompatibel ist mit der nötigen Einsparung von natürlichen Ressourcen und CO2-Emissionen. Das sieht auch eine Expertengruppe der OECD so, die Reformvorschläge für einen ökonomischen Ansatz „Beyond Growth“, also jenseits des rein materiellen Wachstumsparadigma entwickelt hat. Wachstum sollte [hier] stattdessen unter das Primat der Prinzipien Umweltverträglichkeit, Steigerung des Wohlbefindens, Rückgang sozialer Ungleichheit und Widerstandsfähigkeit des Systems gestellt werden. Das Besondere daran ist, dass damit die wichtigste internationale Gesellschaft für marktwirtschaftliche Organisation die Kritik am rein wachstumsfixierten ökonomischen Modell anerkennt und einen fundamentalen Wandel fordert.

Aber auch wenn die vorgeschlagenen Maßnahmen der OECD-Experten zu einem radikalen Paradigmenwechsel aufrufen, sind sie immer noch moderat und weit entfernt von den Ideen der sogenannten Postwachstums-Ökonomen. Bei Vordenkern wie Ernst Friedrich Schumacher („small is beautiful“) soll sich die in seiner 1973 erschienen Publikation Wertschöpfung weg von der energie- und ressourcenintensiven, arbeitsteiligen Massenproduktion hin zu einer menschlicheren, handwerklich orientierten Produktionsweise verschieben. Mensch und Konsument sollten wieder enger mit dem Produkt verwachsen. Niko Paech geht es um wirkliche Suffizienz, um kleinräumige Ökonomien mit kürzeren Wertschöpfungsketten und um ein tatsächliches Ende des Wachstums. Einen Vorgeschmack darauf, wie sehr die CO2-Emissionen zurückgehen, wenn die Wirtschaft nicht mehr Auf-Teufel-Komm-Raus produziert, bekamen wir durch den Corona-Lockdown. Ähnliche gesellschaftliche Notbremsungen könnten in Zukunft immer häufiger auf der Tagesordnung stehen, wenn Klimaklagen Recht bekommen und die Politik umgehend einen vernünftigen Transformationspfad im Sinne oben genannter OECD-Kriterien einschlägt.

Ein Schritt in die richtige Richtung wäre [hier] die Umsetzung der Idee der Gemeinwohlökonomie. Dies ist ein Konzept für ein zukunftsfähiges Wirtschaftssystem, bei dem Mensch und Umwelt, und nicht nur der Profit zentral stehen. Es beruht auf den Prinzipien Achtsamkeit, Verbundenheit (Mensch & Natur), Suffizienz, Kooperation sowie integralem Denken & Handeln. Mit dem punktebasierten Instrument der Gemeinwohlbilanz können Unternehmen, Gemeinden und Bildungseinrichtungen schon heute ihr Handeln an den Werten Menschenwürde, Solidarität, ökologische Verantwortung, soziale Gerechtigkeit sowie demokratischer Mitbestimmung und Transparenz ausrichten. „Wenn diese Vision in Erfüllung gehen würde, dann wäre das ein großer Schlüssel um die ganzen Themen rund um den Globus zu lösen.“ (Alfons Graf, GF Taifun-Tofu).

Über eine Wohn-Utopie, in die bald die ersten Bewohner*innen einziehen können, berichte ich im nächsten Blogbetrag am 29.07.2021.

Ihre

Marian Bichler

Lindenberg, S.; Steg, L. (2014): Goal-framing Theory and Norm-Guided Environmental Behavior. In: van Trijp, H. (Hg.): Encouraging Sustainable Behavior: Routledge, S. 37–54

Beiträge zur Suffizienz auf dem Atum Blog:

B. Holtz: "Das Maß der Dinge für eine lebendige Welt": Blogbeitrag vom 18.04.2021

M. Bichler: "Aufbruch in eine neue Genusskultur." Blogbeitrag Suffizienz 1 von 4

M. Bichler: "Beispielhaft für ganz Europa: Das ecovillage kronsberg in Hannover." Blogbeitrag Suffizienz 3 von 4

M.Bichler: "Neue Wohnformen braucht das Land." Blogbeitrag Suffizienz 4 von 4

Zurück

Kommentare

Kommentar von Saskia |

Wir wären nicht dort, wo wir sind, wenn Menschen nicht ihren Visionen gefolgt wären. Jetzt ist es Zeit, unsere Visionen einer lebenswerten Zukunft umzusetzen. Ich freu mich drauf!

Kommentar von Dr. Holtz Sylke |

Klar, ist nicht gewollt.sehr gute Einsicht in das Geschehen und treffende Analyse dazu. Warum kommt so etwas nicht in die mainstream-Presse? Trotz hehrer Klima-Ziele soll alles so bleiben, wie es ist. Schön und bezeichnend dagegen ist die Versöhnungskapelle im Bild, das Signum der neuen Zeit, die auf jeden Fall kommen und das Alte wegfegen wird. Der neoliberale Freiheitsbegriff in seiner Universalität wird einer tatsächliche Freiheit weichen,die von innen aus dem Herzen kommt und das Feuer der Gewohnheiten wird nicht mehr der fossilen Verbrennung entspringen, sondern der durchaus -fröhlichen - Einsicht. Danke!

Kommentar von Johannes W. Erdmann, Prof. Dr. phil. habil. |

Wie schön, dass neben den vielen wichtigen grundsätzlichen Überlegungen und Argumenten für die zwingend erfoderliche grundlegende kulturelle Transformation so zahlreiche kleine praktische Anregungen und Empfehlungen angeboten werden, die uns schrittweise helfen und Mut machen auf den 'großen Weg, dem Marsch durch die Institutionen unserer lieb gewonnen Gewohnheiten'.
Danke - macht weiter
und gewinnt - Mitstreiter!

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 7 und 8.