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Die Zeitenwende

Krieg! Die Kultur der Lebendigkeit als Antwort.

Gasversorgung

Im April 2020 beschrieben wir [hier] die Ursachen und Auswirkungen eines verheerenden Sturms des Coronavirus auf unsere Gesellschaft mit den Worten Frank Walter Steinmeiers. Dieser sagte damals, dass uns die Pandemie auf schmerzliche Weise zeige, wie verwundbar wir sind. Diese Verwundbarkeit hätten wir lange ignoriert da wir glaubten, total gefahrlos immer schneller, höher und weiter nach vorne preschen zu können. Das sei nach Steinmeier ein fataler Irrtum gewesen.

Im Januar 2022 sah es erst mal so aus, als wäre mit dem Rückgang der pandemiebedingten Sterblichkeitsraten endlich das Schlimmste überstanden. Kaum jemand war vorbereitet auf das, was am 24.2.2022 geschehen sollte. Seitdem entfaltet sich mitten in Europa ein Krieg, den der Kontinent seit drei Generationen nicht mehr kannte. Und wieder fällt uns unser ausschweifendes Konsum- und Mobilitätsdenken des schneller, höher und weiter wie 2020 auf die Füße. Zu einem Zeitpunkt der Krise - ähnlich wie dem 1. Corona-Lockdown im April 2020 - bei der die Ursachen und Folgen der Krise dieses Denken als haltlos entlarfen.

Die notwendigen Konsequenzen werden politisch zurecht mit einer „Zeitenwende“ beschrieben. Bundeskanzler Olaf Scholz benutzte den Begriff, um Deutschland in seiner pazifistisch orientierten Sicherheitsarchitektur neu aufzustellen. Der von Scholz gemeinte Aufbruch durch Aufrüstung ist jedoch nicht die Zeitenwende, die wir bei Atum damals in 2020 wie heute sehen. Wir denken, dass es hier um eine neue Systemarchitektur gehen muss, die der Sicherheit und dem Frieden übergeordnet ist. Diese Architektur besteht aus Umweltschutz, Energieeffizienz, Erneuerbare-Energien/-Ressourcen, Kreislaufwirtschaft und Suffizienz. Die Umwelt-Überlastungskrise - hervorgerufen durch den Menschen - muss so durch eine echte Nachhaltigkeitskultur überwunden werden. Der fröhliche, aber irr-sinnige Konsum-Hedonismus im fossilen Energiezeitalter, der für uns seit der industriellen Revolution [hier] selbstverständlich war, lassen wir hinter uns. Wenn wir einen krassen Vergleich bemühen dürfen: Der Hedonismus heute ist ebenso von gestern wie die bodenlangen Damenroben des 19. Jahrhunderts, die der erste Weltkrieg hinweggefegt hatte.

Kreislaufwirtschaft

Zwar ist es im Moment nicht (und hoffentlich nie) angebracht, die Weltkriege im 20. Jahrhundert mit dem Geschehen in der Ukraine zu vergleichen. Aber die gravierenden gesellschaftlichen Auswirkungen auf das gesellschaftliche Gefüge die jeder reale Krieg - vor allem durch globale Vernetzung - mit sich bringt, zeichnen sich heute deutlich am Horizont ab. Aktuell stehen wir richtig mit dem Rücken zur Wand. Nicht weil wir direkt militärisch bedroht werden, sondern weil Teile unserer zentralen Energieversorgung in Gefahr sind.

Und dies, weil wir die Werte unserer Menschlichkeit an korrupte und kleptokratische Machthaber in Russland verkauft haben, die die Versorgung über fossile Energien für uns bisher sicher-gestellt haben. Bis jetzt konnten wir dieses ethisch fragwürdige Geschäftsverhältnis irgendwie noch mit uns selbst vereinbaren. Auch als diese Machthaber den Krieg vom Zaune brachen und Menschen umbrachten. Wir zahlen einfach weiter und halten so an Bequemlichkeit und unbedingter Befriedigung unserer Luxusbedürfnisse als wichtigsten Maßstab fest. Am Morgen des 25. März gab es dann eine interessante Meldung. So unterschiedliche Politiker wie Wolfgang Schäuble (CDU) und Anton Hofreiter von den Grünen verlangten einen sofortigen Stopp der fossilen Brennstoffimporte aus Russland. Unser Konsum müsse jetzt vor der Kulisse des schrecklichen Krieges zurückstehen. Ökonomen hatten schon [hier] vorher argumentiert, dass so die russische Kriegskasse entscheidend geschwächt werden könnte. Zu durchaus überschaubaren Konjunktureinbrüchen [hier] wie bei den vergangenen Corona-Lockdowns eben. Diese Vorstöße kamen nicht von ungefähr. Politische Schwergewichte wie Ursula von der Leyen forderten [hier] plötzlich zum Energiesparen auf. Sie brachten die sich verändernde Stimmung Ende März mit dem Slogan „Frieren für den Frieden“ auf den Punkt.

KfW Effizienzhaus
Aus der Reihe "Am Rad drehen." B.Holtz 2007

Zwar überschlugen sich daraufhin die Kommentare in den Medien. Zu Hauf hagelte es auch aus der Politik scheinheilige Verweise auf die von Energiearmut Betroffenen, die schon genug sparten, sowie heuchlerische Anklagen wegen des kläglichen Ausbaus der erneuerbaren Energien. Das alles klang ärgerlich vertraut, wurde doch 2013 [hier] in Person von Friedrich Rösler (FDP) und Peter Altmeier (CDU) mit dem selben Verweis auf unzumutbare Härten für die sozial Schwachen eine Strompreisebremse und die Drosselung des damals raschen Aufwuchses der Erneuerbaren Energien bewirkt. Die politisch gewollte Energiewende-Bremse nahm dann [hier] u.a. mit einem PV Deckel von 2,5 GW pro Jahr ihren Lauf. Der Zubau von Photovoltaik 2012 von 8,3 GW wurde dadurch stark rückläufig. 2014 wurden nur noch 1,9 GW PV installiert. Die Stromkosten für Haushalte lagen 2012 bei 26 ct./kWh. Heute liegen sie [hier] bei 37 ct./kWh. Die PV ist heute die günstigste Art und Weise Strom zu produzieren. Auch in Deutschland! Die Gründe der Energiewende-Bremse, so wird uns heute schmerzlich vor Augen geführt, lagen nie an den teuren erneuerbaren Energien und an fehlenden wirtschaftlichen Potentialen, sondern an verantwortungslosen, politischen Schwachköpfen.

Die Folge: Der Spiegel schlägt in seiner vierten Märzausgabe einen klaren Ton an. Unter der Überschrift „Drohende Entbehrung“ argumentiert das Magazin, dass die Deutschen jetzt womöglich zum ersten Mal seit Jahrzehnten mit der „unbequemen Wirklichkeit“ konfrontiert würden. Bisherige Regierungen hätten alle Krisen [Anm.d.Red. bis auf die Klima- und Energiekrise] auf ein erträgliches Maß abgefedert. Der Krieg in der Ukraine dagegen hebe lange vergessene Begriffe wie „Verzicht, Entbehrung, Opferbereitschaft, Mangel“ wieder ins Bewusstsein. Am 27. März bekräftigte Bundespräsident Walter Steinmeier diese ungewohnten Töne. Er sagte in einer Videobotschaft: „Es kommen auch auf uns in Deutschland härtere Tage zu“. Dies klingt als hätte er sagen wollen: Hättet Ihr doch auf meine Warnungen 2020 von oben gehört.

Frank Walter Steinmeier
Aus der Reihe "Am Rad drehen." B.Holtz 2007

Denn wir Leben nach wie vor weit über unsere Verhätnissen für ein nachhaltiges Leben für alle auf diesem Planeten. Müssen wir nun also wirklich „Frieren für den Frieden“? Wir sagen ja. Denn Maßnahmen wie diese bringen eine notwendige und schnelle Reduktion der absoluten Energiemenge mit sich, wie wir sie [hier im Blogbeitrag] dringend für die Energiewende fordern. Der ThinkTank Agora Energiewende hat [hier] Folgendes durchgerechnet: Deutschland ist zu 90 Prozent vom Erdgasimport (insgesamt 912 TWh pro Jahr) abhängig und knapp die Hälfte davon entfällt auf Russland. Für die Bereitstellung von Raumwärme werden laut der Studie knapp 278 TWh benötigt. Laut Felix Matthes vom Ökoinstitut ergäbe sich [hier] bei Absenkung der Raumtemperatur um 3 Grad eine Einsparung von 80 TWh. Warum können wir diese Einsparung von 28 % nicht locker in Kauf nehmen, wenn in der Ukraine Menschen sterben durch Waffen, die wir mitfinanzieren? Ein weiteres, greifbares Bündel von Effizienzmaßnahmen kommt im Angesicht des Krieges vom Max-Planck-Institut [hier]. Wie lange wollen wir noch auf deutschen Autobahnen entlangrasen, bis wir mit Tempolimit 130 auch diese ökologisch, ökonomisch und sicherheitstechnisch wichtige Maßnahme umsetzen? Viel Zeit bleibt uns wahrscheinlich nicht mehr. Zur effektiven Bekämpfung des Klimawandels nur noch bis 2030. Zur Beendigung des Krieges kann man nur spekulieren...

Energiearmut
Aus der Reihe "Am Rad drehen." B.Holtz 2007

Doch plötzlich haben wir es nicht mehr nur mit quasi weichen Lebensstilentscheidung wie oben beschrieben zu tun. Jetzt geht es knallhart um Wirtschafts- und Sicherheitspolitik. Um die direkte Bedrohung jedes Einzelnen und unserer Gesellschaft. Unkalkulierbare Kaskadeneffekte in alle Bereiche unseres Lebens durch Verhängung von Wirtschaftssanktionen in die eine (russische) und den abrupten Lieferstopp fossiler Energien [hier] in die andere (europäische) Richtung türmen sich vor unserem inneren Auge auf.

Es wird uns schmerzlich bewusst, dass das stete Feuer fossiler Energien [wie hier im Blogbeitrag beschriebene] von Tyrannen gelegt und von uns weiter angefacht wird. Unsere fossile Energieversorgung als Lebensader der Gesellschaft erscheint als Spielball in einem mörderischen Machtpoker. Das Feuer verursacht durch Kohlenstoff von Erdöl, Gas und Kohle brandet heute nicht nur in unseren Wäldern, sondern in einem (Energie-)Krieg gegen mächtige Oligarchen und -kleptokraten in Russland wie in anderen Teilen der Welt. Unsere fossile Konsumkultur produziert immer mehr Un-Wohl-Stand [hier]. Nicht nur in Polen macht man sich Sorgen vor einer Ausweitung des Ukraine-Krieges. Die Frage nach der Beheizung der eigenen Wohnung ist plötzlich direkt gekoppelt mit dem Tod von Menschen in diesem Krieg. Dadurch stellt sich direkt eine bisher schlummernde Schuldfrage: In wieweit sind wir Akteure in diesem Krieg? Auf wie viel sind wir bereit zu verzichten?

Krieg in der Ukraine
Aus der Reihe "Am Rad drehen." B.Holtz 2007

Der Einbruch dieser neuen Realität erreicht uns ganz persönlich mit der Ankunft der vielen ukrainischen Flüchtlinge, die noch vor zwei Monaten genauso lebten wie wir. Sie konfrontieren uns mit der schrecklichen Erfahrung was es heißt, die gewohnte Sicherheit und die Freiheit von einer Sekunde auf die andere zu verlieren. Plötzlich erscheint alles auf bedrohliche Weise offen. Wir alle wissen im Moment nicht, was in drei Monaten sein wird. Man kann diese Situation als einmalige Chance sehen, endlich die Veränderungen anzuschieben, die sowas von überfällig sind!!!

Vor nicht einmal 2 Monaten wurde in Deutschland poltisch darum gerungen, ob Nord Stream2 ein wirtschaftliches oder vielleicht doch ein Projekt politischer Dimension sei. Dann fielen die Bomben. Es ist erschütternd festzustellen, mit welch unfassbarer Gewalt uns hier erst gedroht werden muss, bis wir anfangen über fossile Energien wirtschaftich, ökolgisch und ethisch kritisch nachzudenken und endlich DAS Lebensnotwendige für uns und die Natur JETZT zu tun: Die Reduktion von Treibhausgasen, den Konsum und die stetige Mobilität!

Es ist zynisch, dass die massive Kriegsdrohung aus der Heimat von Deutschlands wichtigsten Erdgaslieferant und Kriegsgegner selber kommt. Der Bau von Nord Stream2 wird wohl zukünftig als DAS Symbol fossilen Irr-Sinns in die Geschichtsbücher eingehen. All das zeigt, wie grotesk und heuchlerisch unser westliches Reden von Freiheit und Demokratie ist. Fangen wir doch endlich an uns kritisch zu hinterfragen, auf wessen Kosten wir zu welchem Preis Leben! Warum wir die junge Generation nicht endlich in Ihren Sorgen erhören? Und wie das mit unseren Grundrechten noch vereinbar ist.

Gaskrise Olaf Scholz
Aus der Reihe "Am Rad drehen." B.Holtz 2007

Man wird die Veränderungsbereitschaft der Politik daran ermessen müssen, wie selbstkritisch sie mit den Energiewende-Bremsern umgeht. Zudem wird es entscheidend sein, wie sie es schafft die Energiewende endlich strategisch gekonnt umzusetzen. Dies setzt auch voraus den Menschen zu sagen, dass es dabei auch massiv um Verzicht gehen wird. Und bei den Menschen selber wird es dabei um das Herunterfahren persönlichem Konsum- und Mobilitätsverhalten gehen, an der Zahlungsbereitschaft für Erneuerbare Energien und Maßnahmen zur Energieeffizienz (EEEE) und an der Bereitschaft zur Hinnahme von Komforteinbußen. Dabei haben wir nicht die 2 Millionen Deutschen im Blick, die [hier] unter Energiearmut leiden. Wir sprechen vor allem von den reichsten der Gesellschaft, für die der alltägliche Konsum- und Mobilitätsrausch [hier] zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Unsere Aufgabe ist es für alle Menschen der Gesellschaft sozial- und umweltverträglich Energie und Ressourcen in einem nachhaltigen Maß zum Schutz aller Lebewesen zur Verfügung stellen. Ein verschwenderisches Verhalten, das die globale Klima- und Ungleichheitskrise weiter verschärft kann nicht toleriert werden. Denn es führt zum Entzug der Lebensgrundlage und in der Folge auch zu Gier, Hass und Krieg.

Wie wir in unseren Blogbeiträgen zur Suffizienz [hier] herausgearbeitet haben: Die Herausforderungen der Zeitenwende weg von der Ideologie der Wachstums-, Konsum- und Mobilitätskultur sind fundamentaler Art. Wo der fette SUV (egal ob als Verbrenner oder als e-Auto) die Norm und Shopping das Hauptfreizeitangebot ist, dort entsteht kaum eine Transformationskultur die wir sie dringend brauchen. Die Energiewende ist keine primär technische, sondern eine kulturelle Transformation. Deshalb schreiben wir diesen Blog bei Atum. Wir haben jetzt die Wahl: wachsen wir zusammen zu einer Gesellschaft, die es gemeinsam schafft, den Klimawandel einzudämmen und eine friedliche Welt wiederherzustellen? Oder drehen wir weiter am Rad?!

Ihr Benjamin Holtz und Marian Bichler

 

Wir freuen uns, Sie [hier] noch auf ein passendes Webinar hinzuweisen, dass wir in Zusammenarbeit mit dem Gentner Verlag bzw. Gebäude-Energieberater (GEB) am 10.05. um 19.00 organisieren.

Thema: Suffizienz: Welche Einsparpotenziale bieten eine suffiziente Lebensweise

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Kommentare

Kommentar von Dr. Sylke Holtz |

Endlich reden 2 kompetente Menschen mal tacheles mit uns allen; wurde auch Zeit.
Das Problem sind nämlich nicht nur die schlafmützigen, auf Stimmenfang bedachten Politiker, sondern "wir alle". Vom Bewußtsein her, von der intellektuellen Einsicht her mag es ein großer Teil der Bevölkerung sein, der sagt, so gehe es nicht weiter. Aber die Gewohnheiten, gerade die der Bequemlichkeit, des Geld- und Ansehens-Denkens, des Hedonismus etc. haben eine Veränderung blockiert. Jetzt ist es vorbei: wir m ü s s e n unsere Gewohnheiten ändern! Ansonsten gilt die latein. Lebensweisheit: fata ducunt volentem, trahunt nolentem: eigentlich führt uns die richtige Einsicht. Wenn wir uns aber nicht führen lassen von der einsehbaren Notwendigkeit, dann wird uns das Bequeme, Falsche (unter dem Hintern) unweggerissen werden....

Kommentar von Saskia |

Sehr lesenswert! Das spricht mir aus der Seele, angesichts der unendlich langen, sinnlos verplemperten Zeit möchte Mensch eigentlich nur noch schreiend wegrennen. In meinem Umfeld sind alle bereit für wirklich große Veränderungen und tun bereits im Kleinen, was sie können. Ohne einen gemeinsamen großen Strang, an dem alle mitziehen, wird es aber nicht klappen. Wollen wir hoffen, dass die aktuelle Katastrophe den richtigen Antrieb bringt für die notwendigen, großen Schritte. Ich drücke uns allen die Daumen!

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