Corona, die Krönung des Irr-Sinns (Teil 2)

Die Bedeutung des Un-Wohl-Stands

Corona und das Wohlstandsstreben

Alle streben wir gesellschaftlichen Wohl-Stand an. Doch was nehmen wir dafür in Kauf? Welche Unternehmenspraktiken verfolgen wir dazu und wie unterstützt die Politik dieses Bestreben? Bei genauerem Hinsehen sind es egoistische Handlungsweisen, die einzelnen helfen, bei vielen Menschen jedoch zunehmend zu einem Un-Wohl-Stand geführt haben, da sie unsere Existenz elementar gefährden. Was wir brauchen um dem Paradigma vom nachhaltigen Wohl-Stand gerecht zu werden ist eine kreative Zerstörung des Alten (Neoliberlismus) hin zu neuem, verantwortungsvollen Umgang mit uns, den anderen Lebewesen und der (Unternehmens-) Umwelt. Um das zu erreichen, müssen wir unser Lebens-, Politik- und Wirtschaftsverständnis vollständig ändern.

Im letzten Blogpost habe ich mein Verständnis von menschlichem Sinn als zentralem Treiber unserer Planungs- und Handlungsweisen identifiziert. Sinnvolles Planen und Handeln führt uns zur Erfüllung individueller als auch gesellschaftlich / wirtschaftlicher Ziele (z.B. für nachhaltigen Konsum). Irrsinniges Handeln wirkt dem zuwider.

Zwar gelingt es uns auch heute noch, durch „sinnvolles“ Handeln Wohl-Stand markt- und privatwirtschaftlich zu organisieren und generieren, jedoch hat dieser Wohl-Stand immer weniger mit breiter, gesellschaftlicher und schon gar nicht ökologischer Prosperität zu tun. Ein passendes Beispiel kommt von Saudi Aramco, der derzeit größten Erdölfördergesellschaft der Welt aus Saudi-Arabien. Gerade ist dieses Unternehmen an der Börse zum angeblich wertvollsten Unternehmen der Welt gekürt worden. Im gleichen Jahr, in dem aufgrund des ungebremsten CO2 Ausstoßes verheerende Buschbrände große Teile von Australien zerstört haben. Man schätzt, dass 500 Mio. Tiere dabei ihr Leben verloren haben. Gleichzeitig stirbt in Down Under aufgrund des Anstieges der Meerestemperaturen und der Übersäuerung der Ozeane durch CO2 eines der größten und mit 25 Mio Jahren ältesten Ökosysteme der Welt mit seiner unwiederbringlichen Artenvielfalt: Das Great Barrier Reef...So stehen kurzfristige und langfrsitige Entwicklung auf traurige Art & Weise unvereinbar nebeneinander. Australien, so sei am Rande bemerkt, ist der größte Kohle-Exporteur der Welt! [Blogpost vom 30.11.2019]

Aus Sicht der Erdöl- und Kohleunternehmen (inklusive Siemens) macht der Verkauf schmutziger, fossiler Energieträger in perverser weise Sinn. Einige wenige genießen die riesigen Gewinne. Doch für die meisten anderen Lebewesen z.B. in Australien ist das der reine Irr-Sinn. Denn dadurch, dass ihr Leben massiv bedroht und ausgelöscht wird, gerät der einstige Wohl-Stand zum Status des Un-Wohl-Stands (Dieser Un-Wohl-Stand bedeutet für mich neben dem Niedergang materiellen Wohls durch Raubbau und Umweltzerstörung auch das Unbehagen durch das Wohlstandsstreben).

Corona und der Umbruch

Doch selbst in handfesten Krisen die unseren Wohl-Stand bedrohen behaupten wir, dass durch das was und wie wir Dinge anpacken auch zukünftig Wohl-Stand gesichert wird. Und das, obwohl in den letzten 12 Jahren das globale Finanz- und Wirtschaftssystem durch Verantwortungslosigkeit und Dysfunktionalität privater Akteure an den Rand des Zusammenbruchs gelangte. Neben der latent wirkenden Klimakrise kam 2008 die Bankenkrise (und im Anschluss die EURO Schuldenkrise), 2020 nun die Coronakrise dazu. Trotz schwer angeschlagener Unternehmen mit einem völlig dysfunktionalen „Shareholder Value“ ringen CEOs westlichen Politikern immer noch reihenweise Glaubensbekenntnisse ab, an ihrer Seite zu stehen und Ihnen Finanzspritzen in gigantischem Ausmaßes zu geben, um sich auch weiterhin am "freien Markt" beweisen zu können.

Dabei ist es wichtig zu betonen, dass das Grundverständnis des Shareholder Value darauf beruht, den eigenen Unternehmenswert am Eigenkapital (in Form von Aktien) zu bemessen. Dieses Eigenkapital reicht offensichtlich nicht aus, um die entstandenen Unternehmensverluste durch passende Risikoeinschätzungen und Rückstellungen in der Krise zu kompensieren. Diese werden nämlich in der Bewertung der Performance bzw. dem Aktienwert des Unternehmens weitestgehend ausgeblendet. Doch die fehlende Risikoeinschätzung bzw. Resilienz wird nicht nur vergessen, sondern ist immer mehr strategisches Kalkül vieler Unternehmen, vor allem bei Banken. Unter dem Begriff des Moral Hazard versteht man die Förderung leichtfertigen Verhaltens in Unternehmen aufgrund der Annahme, dass andere das Risiko des Schadens bzw. Scheiterns im Ernstfall übernehmen. Vor allem die Bankenkrise 2008, in die Deutschland 80 Mrd. Euro an Steuergeldern pumpte, entstand durch diese fatalen Geschäftspraktiken. Sie stehen heute immer noch vor allem für das Geschäftsgebahren systemrelevanter Unternehmen.

Corona und die Menschen

Die von Adam Smith viel zitierte Magie der unsichtbaren Hand des Marktes wurde spätestens in der Krisenbewältigung der letzten Jahre zur schwarzen Magie von Regierungen. Um die Verluste der Privatwirtschaft zu kompensieren setzen Staatenlenker damals und heute eben nicht auf die Selbstregulierung der Unternehmen und Märkte und lassen diejenigen unter ihnen hops-gehen, die es einfach nicht können, sondern auf die Übernahme der Schulden durch Ihre Bürger. Seitdem die Regierungen im Ernstfall jeden Schaden durch Verschuldung Ihrer Bürger durch den Verkauf von Staatsanleihen an Zentralbanken übernehmen, steigt die Leichtfertigkeit von Unternehmenspraktiken signifikant. Dies ist in doppelter Weise irrsinnig, da die Bürger weder am Eigenkapital bzw. Aktien der geretteten Unternehmen beteiligt sind, noch an deren Wirken und (Finanz-)Produkten ein ureigenes Interesse  haben. Denn das „Was & Wie produziert wird" erzeugt zunehmend den Un-Wohl-Stand von heute, der unsere Existenz wirtschaftlich, gesellschaftlich und ökologisch bedroht. Von Regierungsseite heißt es dann ganz lapidar: Die Unternehmen seien eben systemrelevant und müssten deshalb gerettet werden.

Doch warum tun wir viel zu wenig um ein System zu ändern, in dem sich immer weniger ultrareiche Menschen wohl und immer mehr Menschen wie ich unwohl fühlen? Es ist der Irrsinn des alten Wohl-Stands-Gedanken. Wir denken, dass materialler Wohlstand rundum gut und sinnstifend ist. Deshalb fühlen wir uns wohl mit dem wie es ist und schon immer war. Alles soll so bleiben wie gehabt. Jede größere Veränderung zerstört angeblich den Wohl-Stand, da wir uns bewegen müssen und Neues nur Unsicherheiten mit sich bringt. Wir stehen buchstäblich auf unser materielles Wohl. Und das im doppelten (Irr-)Sinne.

Tatsächlich beruht unser Wirtschaftsmodell seit der letzten industriellen Revolution / Kolonialisierung schon immer auf der Ausbeutung von Mensch und Natur. Was sich geändert hat ist die Dimension der Ausbeutung. Doch im Moment läuft es ja immer noch irgendwie so weiter. Mittel- bis langfristig schon ist jedoch unser Wohl-Stand sicher nicht mehr tragbar (gemessen am deutschen Wohlstand bräuchten wir 3 Erden um ihn zu sichern.) Schreitet die Ausbeutung der Erde durch unser Tun inklusive der Klimaveränderung weiter so rasant vorwärts wie bisher, wird es nach 2050 unmöglich sein, diesen zu sichern. Denn sie ist schlichtweg viel zu kaputt von uns Menschen.

Corona und die Chance zur Veränderung

Doch anstatt diese Schieflage offen und durch die Wissenschaft bestätigt an die Menschen zu kommunizieren und die katastrophalen, wirtschaftliche Handeln zu beenden, wird weiter aus dem größten, irrsinnigen Glaubensbekenntnis der Welt zitiert: Dem Marketing & Shareholder Value, die den närrischen Konsum- und Wachstumsglauben inkl. Ausklammern von externen Kosten, Kollateralschäden und Umweltzerstörung predigen.

Was wir dagegen unbedingt brauchen um diesen Un-Wohl-Stand zu bekämpfen ist zunächst einmal eine Entwicklung, die Schumpeter die „schöpferische, kreative Zerstörung“ der Makroökonomie nannte. Durch die Neukombination strategischer Planung und Handlung werden alte, wirtschaftliche Strukturen verdrängt und schließlich zerstört und mit neuen ersetzt. Diese kreative Zerstörung muss, gemessen an der Dimension erheblicher Notlagen von heute "auch unsere Wirtschafts- und Lebensweisen […] verändern, um ökologische Grenzen einzuhalten."

Das Zitat stammt von dieser Woche. Es kommt aus dem Munde des Sachverständigenrats für Umweltfragen, die die Bundesregierung seit 1972 berät. Gegenwärtig - so ist meine Wahrnehmung als Energieberater und Bürger dieses Landes - haben Menschen aus Politik und Gesellschaft nicht ansatzweise verstanden, wie groß die Not schon jetzt durch grassierende und kommende Krisen ist und wie wenig wir uns in Richtung der notwendigen Veränderungen bewegen. Auch der Sachverständigenrat kommt in Bezug auf die Tätigkeit der Bundesregierung zu einem ähnlichen Ergebnis. Durch die deutsche Klimapolitik "wächst die Kluft zwischen dem Erreichten und dem Notwendigen".

Corona und der Durchbruch der Veränderung

Ein entscheidender Hemmschuh ist der Glaube an das Alte, anstatt uns am Wissen des Notwendigen zu orientieren und konsequent danach zu handeln. Anstatt Vertrauen bei den Menschen durch klare und stringente Handlungen inklusive einem neuen Arbeits- und Lebens-Leitbild zu erzeugen wird suggeriert, dass man das Alte konservieren muss. Ab und an gibt es zaghafte Schritte nach vorne, was aber z.B. in puncto Energiewende nicht zum gewünschten Erfolg und zur Verfehlung der Klimaziele führt.

Im strategischen Management bezeichnet man diesen Zustand als „stuck in the middle“, was zwangsläufig zur wirtschaftlichen Stagnation führt. Was das bedeutet können wir heute in der deutschen Automobilindustrie sehen, die gemessen am aufstrebenden Paradigma der Nachhaltigkeit im globalen Maßstab als abgehängt bezeichnet werden kann. Anstatt den Aufbruch zu wagen, baute man bisher ein bisschen Elektroauto. VW hat derzeit kein einziges eAuto im Angebot, das kurzfristig bestell- und verfügbar ist (ebda).

Wenn dieser Zustand voranschreitet und wir gesellschaftlich keine neuen Leitbilder während und nach der Corona-Krise erzeugen, wird die Umsetzung des (wirtschaftlichen) Neuaufbaus durch kreative Zerstörung des Alten hin zu einem positiven Neuen unmöglich. Denn dann findet die Zerstörung auf moralischer, zersetzender Ebene statt. Dann infiziert der Irrsinn von radikalem Gedankengut immer mehr Menschen, die keine Perspektive im Un-Wohl-Stand des Neoliberlismus sehen.

Was wir brauchen ist eine neue, ehrliche Lebens-, Arbeits- und Unternehmenskultur die sich am Wohl aller orientiert und uns so mit Sinn & gegenseitiger Achtung erfüllt.

Ich freue mich auf Ihr Interesse im 3.Teil dieser Reihe.

Ihr

Benjamin Holtz

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Kommentar von S. Holtz |

sehr gut; kreative Zerstörung muss sein. Die Superreichen sind eine Gefahr: Reichtum genügt nicht; sie wollen Macht um zu lenken.
Autoindustrie hat geschlafen!