Berliner Energietage 2019 - Klartext reden?

Gespannt war ich, wie sich der Klartext der Wutschüler in den Fridays For (No) Future Demonstrationen zur Tatenlosigkeit der Politik auch bei den Berliner Energietagen Luft machen würde. Denn Klartext sollte, so die Überschrift der Energietage 2019 ja gesprochen werden.

Wie könnte das glaubhafter kommuniziert werden als über Jakob Blasel, der schon bei der Auftaktveranstaltung vor das Fachpublikum trat und seine bekannt schlagkräftige Analyse zum Nichtstun des Landes kundtat?! Durch den Auftritt eines Aktivisten der FfFuture auf einer Fachmesse wie dieser, wurde auch nach außen hin sichtbar die Verschmelzung zu den Scientists for Future vor Ort vollzogen [Blogartikel vom 17.03.2019]. So starteten die Energietage also mit sehr viel Schwung und viel Glaubwürdigkeit zum Thema Energiewende für mehr Klimaschutz. Attribute, die politische Bremser dieses Landes seit Jahren wie Konfetti mit vollen Händen aus dem Fenster geworfen hatten.

Meine Hoffnung, dass sich der Handlungsdruck auch durch FfFuture bei der Politik breitgemacht haben könnte, bekam bald schon einen Dämpfer. Den Äußerungen von Peter Rathert vom Bundesbauministerium zu schließen, kann oder will er immer noch nicht verstehen, dass im jetzigen GEG Entwurf bei weitem kein von der EU verlangtes Niedrigstenergiegebäude mit nahezu 0-Energieverbrauch für die neuen Wohngebäude in Deutschland gefordert wird. Statt die überall auffflammende Kritik dazu zu nutzen, diesen zentralen Planungsfehler zu korrigieren, schiebt er die Schuld dem BMU zu, das ja das Gesetz in Sippenhaft nehmen würde. Zudem wolle man ja keine weitere Erhöhung der Baukosten, was faktisch nach allen validen Studien die ich kenne nicht an Energieeffizienz und Erneuerbaren Energien (EEEE) liegt.

Auch andere politischen Akteure vom BMWi verteidigten Ihre Strategie, an den zentralistischen, industriell geprägten Lösungen der Energiewende festzuhalten. Und dies, obwohl der Windstrom im Norden aufgrund des Netz-Trassen-Ausbaus im Schneckentempo (1 km Länge pro Jahr) die Energiewende schon lange ausbremst. Auch steckt in den Äußerungen der Mangel an Erkenntnis, dass Deutschland über dezentral produzierten Gebäudestrom zusammen mit den wichtigen Wärmepumpen zu einer erheblichen Entlastung des übervollen Stromnetzes an anderer Stelle schon lange beitragen könnte. Nicht zu sprechen von dem verschenkten Potential einer Energiewende-Partizipation der Bürger an vor Ort produziertem Mieterstroms. So merkte ich schnell, dass die Bundespolitik nach wie vor nicht die Energiewendeplaner hat, die wir so dringend benötigen.

Diese Einstellung teilten offensichtlich viele Besucher der Berliner Energietage, legt man die Tag-Cloud oben zugrunde. Das Publikum identifiziert darin zentral die Politik als Hinderungsgrund für ein Ausbleiben der Energie- bzw. Wärmewende! Dieses Bild bestätigt sich auch in der Umfrage von EUMB Pöschk im PDF. Hier wird die Energiewende von ca. 1000 Befragten als sozial unausgewogen und ökologisch & ökonomisch ineffizient dargestellt. Zudem werden den Bürgern wenig Möglichkeiten zur Partizipation geboten. Bringt man die mangelhafte Umsetzung der Energiewende mit der Klimakrisenbekämpfung in Verbindung, empfehle ich das mittlerweile 12 Mio.-fach aufgerufene Video vom Youtuber rezo "Jetzt Reichts - Die Zerstörung der CDU". Ab Minute 5.30 min. stellt er der aktuellen Bundesregierung das Armutszeugnis aus, das sie verdient.

Um entscheidend auf der Wegstrecke einer erfolgreichen Energiewende weiter zu kommen, müsse die Wärmewende sofort kommen [Blogartikel vom 29.03.2019], so auch der einhellige Tenor auf den Energietagen. Damit der Umstieg auf erneuerbare Wärme jedoch auch gelingt, müsse eine CO2 Steuer eingeführt werden (auch 20 % der Befragten sahen in der Pöschk-Umfrage dies als DEN Handlungsschwerpunkt in den nächsten Jahren). Wenn diese Wende nicht gelänge, so würde Deutschland die Klimaschutzziele 2030 genauso verfehlen wie die in 2020.

Dabei werde man in der Zukunft für erneuerbare Wärme auf alle Energieträger zurückgreifen müssen. Strom könne nach der viel diskutierten dena Leitstudie neben dem direkten Strombedarf in 2050 im Sinne einer Sektorkopplung nur 40% - 60% der gesamt erforderlichen Energie für Mobilität, Wärme und Industrie abdecken. Die anderen ca. 50 % müssten aus Solarthermie, genauso wie Geothermie, Power to Gas (PtG), Power to heat (PtH) und Power To Liquid (PtL) kommen.

Wovor Experten eindringlich warnten ist das Vorhaben, bei den synthetischen Kraftstoffen und Gasen z.B. im Zusammenhang von Methanisierung Kohlendioxid aus fossilen Energieträgern wie Kohle abzuspalten und in synthetische Liquids & Gase zu wandeln. Dadurch würde bei der Verbrennung ja genauso klimaschädliches Gas entstehen wie bei der von Kohle! Stattdessen müsse es aus einem direct-air-capture Prozess oder aus Biogas gewonnen werden. Gelänge das nicht, so wäre die Energiewende tot, ehe sie wirklich begonne habe, so Dr. Felix Chr. Matthes vom Öko Institut.

Die Wasserstoffproduktion, so hörte ich in vielen Gesprächen, wird in den nächsten Jahren erheblich zunehmen. Jedoch ist der Erfolg davon abhängig, ob er in (Industrie-)Prozessen, Verkehr oder Gebäuden tatsächlich angewendet werden kann. Im Moment gäbe es in Deutschland so gut wie keine Wasserstoff-Anwendungen. Eine Marktdurchdringung ist also so gar nicht möglich. Aus diesem Grund müsse man bei allem was in Deutschland jetzt und in der Zukunft an Technik gebaut und geplant wird darauf achten, dass es "Wasserstoff-Ready" ist! Und die Politik muss für die Rahmenbedingungen sorgen, dass der blaue Kraftstoff den fossilen substituiert.

Produziert wird der Wasserstoff der Zukunft aufgrund der geographischen Bedingungen größtenteils nicht in Deutschland. Da waren sich viele auf den Energietagen ebenfalls einig. Deshalb könne mann gar nicht von einer Sektorkopplung sprechen, sondern nur von einer integrierten Sektorplanung. Denn die Sektoren Gebäude, Verkehr und Industrie / Gewerbe benötigen zusammen viel mehr Wasserstoff als den, der im (grünen) Energiesektor zukünftig in Deutschland gewonnen werden kann...

In Kürze werde ich noch mehr von den Eindrücken auf den Energietagen 2019 schreiben.

Ihr

Benjamin Holtz

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